WESPENTAILLE-KÜRASSTAILLE (1) -SANDUHR-SANS VENTRE (2)
Eingeschnürt in ein Schönheitsideal
Das Korsett im 19. JahrhundertKirstin Sievers
"Diese mit Tüll, Streifen und falschen Wimpern gespickten Ritter, diese mit Spargelzangen bewaffneten Skarabäen, diese Samurais in Zobel und Hermelin, diese Kürassiere der Lust" treiben die Rüstung der in der Belle Époque begehrten Frau auf die Spitze. Den Mittelpunkt dieser "Festung" bildet das Korsett.(3)
Seit Anfang des 19. Jahrhunderts erlangte das Korsett , deren Vorläufer die Schnürbrust und das Mieder waren, langsam seine Vorherrschaft im Bereich der modischen Gestaltung des Frauenkörpers. Das durch Schnürung und Versteifung meist der Unterkleidung, seltener der Oberkleidung, formende Kleidungsstück wurde in den folgenden Jahren als Zeichen der Moral des Mittelstandes gesehen. Etwa einhundert Jahre lang hielt sich diese deformierende Mode. Erst ab etwa 1917 wurde es allgemein üblich, dass sich die Frau für die losere körperunbetonte Kleidlinie entschied, was bei den von den Männern übernommenen Aufgaben zur Kriegszeit auch einen praktischen Beweggrund hatte.
Nachdem vor 1810 die Taille der Damen noch kurz unter der Brust lag, rückte sie jetzt mit der Rückkehr des Korsetts wieder um einiges tiefer bis kurz über die Hüften. Das neue Korsett war nicht mehr dazu bestimmt den weiblichen Körper geradezubiegen, sondern ihn nach den erotischen und ästhetischen Vorstellungen der Zeit zu formen. Somit war es ein pädagogisches Werkzeug in Sachen Anstand und Haltung. Eine schlanke Taille erhöhte bei einem jungen Mädchen die Chancen auf dem Heiratsmarkt (4). So wurde eine künstliche Frau geschaffen, deren Zartheit und Zerbrechlichkeit die Abhängigkeit vom Mann noch unterstreichen sollte. So wird diese Abhängigkeit auch deutlich in der Tatsache, dass Frauen noch nicht wählen durften.(5) Erst ab etwa 1840 war es, durch eine spezielle Schnürtechnik möglich das Korsett ohne fremde Hilfe an- und abzulegen. Diese Zeremonie des Korsettaufschnürens reizte besonders die Karikaturisten jener Zeit. Ein unerfahrener Liebhaber, der nicht wusste, wie er das Öffnen des Korsetts anstellen sollte wurde von seiner Geliebten ausgelacht.
So auf einer Zeichnung um 1850 dargestellt:"- Sag mal Kleiner, magst du Austern?
- Ja...aber lieber mag ich Frauen.
- ...Kannst du sie denn öffnen?-!!!" (6)
Seinen ‚Höhepunkt' fand diese Korsettmode in den Jahren 1868-1875, - zur Zeit der Turnüre(7) , wo eine Idealtaille einen Umfang von 43 - 53 cm hatte. Daher entstanden auch bildhafte Ausdrücke wie Wespentaille oder Sanduhr. Auch unter der Badekleidung war das Korsett bis um 1900 zwingend vorgeschrieben. Jedoch gab es seit jeher ebenso auch Kritik an dieser Mode, die nicht nur von ärztlicher Seite - eine Verschiebung der inneren Organe - herrührte, sondern beispielsweise auch berühmte Männer dieser Zeit kritisieren ließ. Schon 1762 äußerte Rousseau über den Gebrauch des Korsetts:
"..., durch den die Frauen "ihre Taille eher verunstalten als
betonen. (...) Es ist durchaus nicht angenehm, eine Frau in zwei
Teile zerlegt zu sehen wie eine Wespe. (...)" (8)
Erst mit Einsetzen der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts rutschte die Taille erstmals wieder höher und in der Unterwäsche setzte sich mehr und mehr der Büstenhalter und zur optischen Verschmälerung der Hüften das Mieder durch. Die Begriffe Mieder und Korsett waren allerdings nicht mehr streng voneinander getrennt. Heutzutage dient das Korsett jedoch nur noch der reinen Figurkorrektur und als Fetisch sexueller Handlungen.
Kirstin Sievers Studentin des Fachbereiches Kulturwissenschaften an der Universität Bremen.Literatur:
· Chenoune, Farid: DESSOUS Ein Jahrhundert Wäschekult; München 1999 · Junker, Almut und Stille, Eva: Zur Geschichte der Unterwäsche 1700-1960; Frankfurt 1988
Bildnachweis:
· Torturen des Schnürens, Karikatur von J.J. Grandville, 1844 (Kunzle, 1982, Abb. 19) aus: Junker, Almut und Stille, Eva: Zur Geschichte der Unterwäsche 1700-1960; Frankfurt 1988
(1)Verlängerte Taille bis über die Hüften etwa 1857-1881
(2) franz. >Ohne Bauch< ; die berühmte S-Linie musste Bauch und Hüften wegschnüren und entstand etwa um 1899 (-1907)
(3) Jean Cocteau, Portraits-souvenirs: 1900-1914 (1935), Paris 1954 in Chenoune, Farid :… S. 28
(4) Vgl. Chenoune, Farid: ... S. 32
(5) Das Frauenwahlrecht wurde erst 1918 eingeführt.
(6) Chenoune, Farid:... S. 32
(7) Ein in der Damenmode Ende des 19.Jh. übliches Gesäßpolster.
(8) Chenoune, Farid:... S. 38