"... gar keinen Raum für ihre eigenen Füße"
Die Rolle der Frau im 19.Jahrhundert im Spiegel der Schuhmode.Renate von Strauß und Torney
Am 22.Januar 1819 findet Rahel Varnhagen (1771-1833) in einem Brief an Rose im Haag ein starkes Bild für die Situation der Frauen ihrer Zeit:"... sie haben der beklatschten Regel nach gar keinen Raum für ihre eigenen Füße, müssen sie nur immer dahin setzen, wo der Mann eben stand, und stehen will; und sehen mit ihren Augen die ganze Welt wie etwa einer, der wie ein Baum mit Wurzeln in der Erde verzaubert wäre; jeder Versuch, jeder Wunsch, den unnatürlichen Zustand zu lösen, wird Frivolität genannt; oder noch für strafwürdiges Benehmen gehalten." (Behrens, 239-240)
Die gesellschaftliche Rolle der Frauen im beginnenden 19. Jahrhundert erlaubte ihnen nicht, auf eigenen Füßen zu stehen. Ihre ganze Existenz wurde von Vätern, Ehemännern und Söhnen bestimmt, und wie ‚angewurzelt' standen sie im häuslichen Leben. Unverrückbar waren sie an den Standpunkt der männlichen Sichtweise gebunden, wenn ihr Verhalten nicht als "frivol", also unanständig und schamlos gelten sollte.
Die Frage des weiblichen ‚Standpunktes' möchte ich einmal ungewöhnlich ‚wörtlich' nehmen und einen kurzen Blick auf die Schuhe werfen, in denen Frauen im 19. Jahrhundert durch das Leben gingen. Damit wird ein sehr konkreter Aspekt der Lebensbedingungen veranschaulicht, der auch die gesellschaftliche Rolle der Frau widerspiegelt. "Gerade die Füße vermögen das Unselb-ständige und Hin-fällige deutlich vor Augen zu führen." stellt der Psychologe Franz Kiener 1959 (!) fest. "Das ‚schwache Geschlecht' möchte auf solche Art andeuten, dass es der Stütze des ‚männlichen Armes bedürfe' oder dass es ‚auf den Händen getragen werden wolle, so wertvoll und gebrechlich zugleich sei es." (Kiener, 266)
Wie die Kleidermode entspringt auch die Schuhmode keiner bloßen Laune der menschlichen Natur. Die Schuhform bestimmt das ‚Auftreten' einer Person, machte im Mittelalter ‚Standes'- unterschiede deutlich und der Frauenschuh hat auch heute noch eine kulturelle Bedeutung als erotisches Symbol.
Während vor der Französischen Revolution Männer und Frauen des Adels zierliche Schuhe mit Absatz trugen, wurde im 19. Jahrhundert der Absatz ein typisches Merkmal von Frauenschuhen. Männerschuhe erhielten die noch heute übliche Gestalt der praktischen Schnürstiefel oder Halbschuhe. Zur Zeit Napoleons I. trugen die Damen der Gesellschaft flache, dünnsohlige Stoffschuhe mit langen Kreuzbändern (Escarpines), von denen höchstens die Spitzen unter den fußbodenlangen Röcken sichtbar werden durften. Nach einer oft zitierten Anekdote beschwerte sich ein Dame bei einem bekannten Pariser Schuhmacher, ihre neuen Schuhe seien nach einmaligem Tragen bereits unbrauchbar, darauf untersucht er die Schuhe und sagt: "Ah, Madame, ich weiß woran es liegt, Ihr seid damit gegangen." (Weber, 90 / O'Keefe, 133 / Pattison, 29)
Auch die Damenstiefeletten des Biedermeier, jetzt wieder mit Absatz, wurden unter langen Reifröcken, den berühmten Krinolinen verborgen. "Erst als die Keckeren unter den Damen, zum Beispiel Kaiserin Eugenie(1) , den Rocksaum über den Knöchel aufsteigen ließen, kamen die niedlichen Stiefelchen (...) endlich ans Tageslicht." (Weber, 94)
Der Stiefel, ein Symbol männlich kraftvollen Auftretens erschien jetzt in ‚verniedlichter' Form an Frauenfüßen. Dies war ein Zeichen zunehmender weiblicher Bewegungsfreiheit, auch außerhalb der ihr zugewiesenen häuslichen Welt. Der Schuh diente nun auch für Frauen der Fortbewegung.
Das Ideal des kleinen, zierlichen Frauenfußes blieb allerdings weiter wirksam. Die Schuhe waren noch nicht ‚fußgerecht' gearbeitet, unterschieden nicht zwischen rechtem und linkem Leisten. Schon im 18. Jahrhundert hatten Ärzte eine fußgerechte Gestalt der Schuhe gefordert und auf die schädliche Wirkung zu enger und zu kurzer Schuhe mit Absatz hingewiesen.(Camper, 1783) Aber erst mit der Entwicklung der Schuhindustrie in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden passende Leisten für beide Schuhe preiswert und in größeren Mengen hergestellt.Arbeitsschuhe für die körperlich schwere Industriearbeit und für die Landbevölkerung, wurden nicht nach geschlechtsspezifischen, sondern überwiegend nach praktischen Gesichtspunkten weitgehend aus Holz oder aus einer Holzsohle mit Lederoberteil gefertigt. (McDowell, 126-128)
Die Entwicklung des Frauensports im 19. Jahrhundert prägte das alltägliche Erscheinungsbild der Frauen und veränderte auch die Schuhmode. Die Mehrzahl der bequemen Frauenschuhe sind abgewandelte Männerschuhe und wurden zunächst nur für Männer hergestellt und erst später auch dem Frauenfuß angepasst. "Die breiten Absätze der 'vernünftigen' Schuhe, mit denen die Suffragetten auf ihre Protestmärsche gingen, kamen bei Wanderschuhen in Mode, und immer mehr Frauen trieben Sport und trugen dazu bequeme Turnschuhe aus Segeltuch und Gummi." (O'Keeffe, 240-242)
Damit wurde allerdings die Form des typischen Frauenschuhs, des Stöckelschuhs nicht beeinflusst. Diese Form der Behinderung weiblicher Fortbewegung hat sich bis in die Gegenwart erhalten. "Die soziale Unfreiheit der Frau in der jeweiligen Gesellschaft drückt sich in dem Maße aus, als die Bekleidung die Bewegung hindert." (Katsching-Fasch, 132)
(1)Eugenie de Montijo,(1826-1920) Gemahlin Napoleons III